Wer kennt das Lied „No Roots“ von Alice Merton? Alice Merton ist ein TCK. Wie ist das, wenn Du kein Zuhause hast? Wenn Zuhause ist, wo Du gerade bist? Es klingt schon verlockend, das Leben da draußen, die Freiheit … doch was machen die Wurzeln mit uns? Und überhaupt: Wurzeln?

Silke von „Wahlheimat Neuseeland“ hat sich mit Marit (TCK) und Katja Paus (ihre Mutter, die sich nicht so sicher ist, ob sie eine TCA ist) über TCKs und TCAs unterhalten. Third Culture Kids und Third Culture Adults. Marit lebt mittlerweile in Melbourne, Australien, Katja in Singapur. Eine ausschweifende Einführung brauchte keiner, die beiden stiegen sofort voll ein.

Marit gab gleich zu Beginn verschiedene Formen von TCKs zu bedenken: Ich selbst bin in Hongkong, Singapur und Indien aufgewachsen und wohne jetzt in Melbourne, Australien. Ich bin geborene Kölnerin, hab nur einen deutschen Pass, Mama und Papa sind deutsch. Mein Freund ist in Queensland, Australien geboren, sein Vater ist englischer Neuseeländer, seine Mutter Filipina.

Wahlheimat Neuseeland: Wäre der Unterschied dann der, dass Du in verschiedenen Ländern aufgewachsen bist und Eltern aus einer Kultur hast, Dein Freund hat verschieden-kulturelle Eltern, ist aber in einem Land aufgewachsen?

Marit: Ja, man merkt manchmal schon, dass ich in acht Schulen gegangen bin, er aber immer am gleichen Ort war. Wenn man ihn fragen würde, würde er schon sagen, dass er „normaler“ ist als ich.

Katja schaltet sich ein: Was ist schon „normal“?

Alle stimmen zu…

Katja: Marits Schwester ist ihr ganzes Leben auf eine Schule gegangen. Wo man einen ganz großen Unterschied sieht, ist zwischen den Kindern, die nach zwei oder drei Jahren wieder zurück nach Deutschland gehen und denen, die ihr Leben lang im Ausland waren und bleiben. Da gibt es heftige Unterschiede. Ich würde die Kinder nicht als TCKs bezeichnen, die nur ein paar Jahre im Ausland leben. Die Eltern ziehen hier zum Teil so einen deutschen Stiefel durch … es hat sich über die Jahre auch verändert. Als meine Kinder vor 18 Jahren noch klein waren, haben sie die Nachmittage draußen verbracht, alles in Englisch, nicht in der deutschen Schule. Es ist ein großer Unterschied zwischen denen, die sagen, wir nehmen das hier als unser Leben an, und dass dieses andere Land hier unser Zuhause ist. Viele, die hier nur ein paar Jahre sind, mischen sich gar nicht. Ist das richtig, Marit?

Marit: Ja, doch.

Wahlheimat Neuseeland: Marit, warst Du mal in Deutschland?

Marit: Ich war im Alter von fünf und sechs in Deutschland, nach vier Jahren Indien. Ich hab die erste Klasse in Deutschland gemacht, dann sind wir weg.

Wahlheimat Neuseeland: Kannst Du Dich erinnern, wie die zwei Jahre in Deutschland waren?

Marit: Ich kann mich nicht an vieles erinnern. Mein größtes Problem war, dass der Papa immer Englisch gesprochen hat und ich wollte Deutsch reden. Und ich bin schon mit fünf eingeschult worden, weil die Lehrer sagten, dass ich schon um einiges weiter war als die anderen Kinder. Ansonsten fand ich mich nicht anders oder so.

Wahlheimat Neuseeland: Die anderen haben Dich auch voll integriert?

Marit: In dem Alter ist das gar nicht aufgefallen.

Katja: Man muss sagen, dass wir bei Bayer in Leverkusen waren und haben dort in einer Bayer-Siedlung gelebt mit vielen, die lebten wie wir. Das war eine bunt gemischte Community mit Familien aus vielen Ländern. Natürlich war sie dort „normal“. Im Kölner Norden war sie dann eher ein bisschen wie ein Alien. Da hat sie eher Schwierigkeiten gehabt, Anschluss mit den anderen Kindern zu finden. Da die dann ihre Freundin aus der Krabbelgruppe trafen, oder mit der besten Freundin aus dem Kindergarten. Da kam Marit dann und fragte: „Mama, warum hab ich das nicht?“ Sie hatte das schon, aber die kamen aus Dänemark oder Frankreich. Und damals gab es kein Facetime oder Skype. Es dauerte ein Jahr, bis Kinder vor der Tür standen und fragten, ob sie mit Marit spielen könnten. Da musste ich dann sagen: „Klar, wir sind jedoch demnächst schon wieder weg.“

Als wir Marit gesagt haben, dass wir nach Singapur gehen, fragte Marit dann auf einmal wieder: „Mama, was heißt denn Baum auf Englisch?“ Da kam das Interesse an der Sprache zurück. Was im Vergleich zu ihrem Bruder anders war: dass Marit Englisch wieder über Deutsch gelernt hat, während ihr jüngerer Bruder beide Sprachen ohne Zwischenübersetzung lernte.

Marit: Was für mich ein großes Ding war als TCK, ich hab das jetzt zum ersten Mal, dass ich eine beste Freundin habe. Vorher gab’s das „best friend“ oder „closest friend“ für mich nicht. Im Gegensatz zu meinem Freund, der jetzt noch seine Freunde aus der Schule hat. Ich habe ständig die Schule gewechselt, und die Kinder um mich herum auch. Die 1000 Leute in meinem Facebook kenne ich tatsächlich alle. Auch jetzt beruflich finde ich es viel einfacher, mich zu vernetzen, mit jedem zu reden. Das ist etwas, das ich wirklich als TCK gelernt habe.

Wahlheimat Neuseeland: Hast Du auch mehr Verständnis für andere Kulturen?

Katja nickt: Das fällt denen gar nicht auf.

Marit: Das fällt mir gar nicht auf. Ich mache mir gar nicht so die Gedanken, es ist normal, dass ein Anderer Dinge anders macht. Ich merke das gar nicht.

Katja: Marit erzählte mir oft von Kindern und beschrieb sie. Als wir sie sahen, fragte ich dann, Du hast gar nicht gesagt, dass das ein Koreaner ist. Dann sagte Marit: „Wieso? Das ist doch nur ein Kind.“ Das kam erst, als wir dann später in Deutschland waren und ich mich fragte: Das hatten die doch vorher nicht. Auch wenn Marit heute noch jemanden beschreiben würde, wäre die Nationalität das letzte, was sie beschreiben würde.

Marit: Ganz ehrlich? Ich stell Dir mal meinen Freund vor. Das ist Glen. Viele sagen, dass Glen neuseeländisch ist, aber nicht das englische, sondern das Māori. Die dunkle Hautfarbe kommt aber von seiner philippinischen Mutter. Mir fällt bis heute nicht auf, dass Glen dunkel ist. Wenn Du durch Security gehst zum Beispiel: Glen ist der einzige, der rausgezogen wird. Wegen der Hautfarbe. Für so viele sieht er so anders aus.

Katja: Was mir auch auffällt, dass der Zusammenhalt unter Geschwistern und innerhalb der Familie bei TCKs stärker ist. Alles um sie herum verändert sich, kommt und geht. Lehrer, Freunde, Mitschüler, Freunde der Eltern, Kieferorthopäde, Schulen, … das einzige, was Bestand hat, sind Deine Familie und Geschwister. Die müssen sich nicht jeden Tag sehen oder telefonieren, aber da ist ein Bond, da geht so schnell nichts ran. Letztens waren Austauschschüler hier an der Schule. Was da auffiel, war, dass sie sich klassenübergreifend nicht kannten. Auch in der Klasse war kein Zusammenhalt. Bei unseren Kindern, die auf die Schule in Singapur gingen, kannten die sich alle untereinander, auch über verschiedene Klassen. Die kannten die Eltern, … das wird hier sehr viel mehr gefördert. In der Schule triffst Du hier Leute, die ähnlich sind. Vielleicht ist das in Ländern wie Neuseeland, USA oder so anders, weil es westlicher ist als hier in Singapur.

Wahlheimat Neuseeland: Das merkt man hier in Neuseeland, dass wir Deutschen schon ein recht „normales“ Leben führen, in einer ähnlich westlichen Kultur, auch wenn diese komplett anders ist. Man mischt sich schon mehr als man das beispielsweise in Singapur tun würde. Es ist ein anderes Auswandererleben, als wenn Du wirklich „entsandt“ bist.

Katja nickt.

Wahlheimat Neuseeland: Marit, wann ist Dir aufgefallen, dass Du ein TCK bist?

Marit: Ich glaub, den Begriff kannte ich ganz lange nicht, dann kam er mal, und dann war klar, das passt. So das Gefühl: Aha, ich bin nicht alleine. Da gibt es noch andere, die so sind wie ich. Und es gibt jetzt einen Begriff für das, wie ich bin. Wie lange gibt’s denn den Begriff schon?

Katja: Das Buch gibt’s schon lange.

Wahlheimat Neuseeland: Ja, ich denke, dass das Buch von  immer noch die Hauptquelle ist.

Marit: Und als ich den Begriff dann kannte, eben die Überlegungen, dass es solche und solche TCKs gibt, wie bei meinem Freund und mir.

Wahlheimat Neuseeland: Hat Dein Freund mehr eine Heimat als Du?

Marit: Ja. Für ihn ist Brisbane seine Heimat, und er hat schon Schwierigkeiten, hier in Melbourne zu wohnen. Mir ist es gar nicht aufgefallen. Das erste Mal habe ich hier einen Freundeskreis. Obwohl das Brisbanehaus das war, in dem ich am längsten in meinem Leben gewohnt habe. Für mich war Zuhause nie das Haus, sondern die Möbel in dem Haus. Zum Beispiel war der Esstisch in Brisbane schon der Esstisch, an dem ich als Sechsjährige einen hinter die Löffel bekommen habe, wenn ich was nicht richtig geschrieben habe.

Katja schmunzelte: Das stimmt überhaupt nicht!

Marit fasst nach: Und als Siebenjährige dann in Singapur.

Alle lachen.

Katja: Ich hab Dir nie einen hinter die Löffel gegeben!

Wahlheimat Neuseeland (schmunzelnd): Soll ich das beim Abtippen auslassen?

Marit: Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn ich nicht auch mal einen hinter die Löffel bekommen hätte.

Katja: Das kannst Du reinnehmen!!

Weiterlachen …

Wahlheimat Neuseeland: Wo ist Deine Heimat?

Marit: Momentan Melbourne. Hier ist mein Freund, hier sind meine Vögel, …

Wahlheimat Neuseeland: Machst Du einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause?

Marit: Nee, gar nicht mal. Heimat ist da, wo ich gerade wohne.

Wahlheimat Neuseeland: Machst Du einen Unterschied zwischen einem Third Culture Kid und einem Third Culture Adult?

Marit (überlegt): Hmmm … ich glaube für mich als TCK kenne ich nichts anders. Es ist einfach so. … Als TCA musst Du lernen, dass manche anders sind. Du musst Dich an manches gewöhnen. Du kannst nicht vergessen, wo Du herkommst. Ich habe zum Beispiel viele Austauschstudenten gesehen. Manche gehen schon nach ein paar Monaten zurück, auch wenn Australien jetzt ja gar nicht sooo anders ist. Die, die lange bleiben, oder auch hier bleiben, da siehst Du schon, dass die sich verändern. Die würden sich in Deutschland nicht mehr wohlfühlen, genau wie bei meinen Eltern. Mama passt auch nicht mehr so nach Deutschland rein.

Katja: Ich weiß nicht, ob ich mich als TCA bezeichnen würde. TCKs und TCAs vor Jahren im Vergleich zu heute haben sich auch verändert, und jetzt noch mehr durch die Globalisierung. Eine Sache ist definitiv wahr: Für uns gibt es keinen Weg mehr zurück nach Deutschland.

Marit: Was Du bei uns auch siehst: dass wir Kulturen mischen. Zum Beispiel den German Fried Rice.

Wahlheimat Neuseeland: Stichwort Globalisierung. Glaubst Du, dass die Welt sich in Zukunft verändern wird in Bezug auf TCKs? Also dass ein Leben als TCK „normaler“ wird, oder geht es eher in die andere Richtung?

Marit: Ich würde mir wünschen, dass alles internationaler wird, aber ich denke, da sind wir noch weit davon entfernt. Wenn ich mir Australien, USA, Deutschland anschaue … vieles geht leider doch eher rückwärts. Das ist sehr traurig. Wie ich vorhin auch meinte, wenn ich mit meinem Freund ins Kino gehe, und mein Freund als Einheimischer wird von der Security überprüft …

Katja: Mir ist das aufgefallen, als wir gerade die Austauschschüler aus Deutschland hier hatten. Es bestand sehr wenig Interesse an dem Ganzen hier, auch kulturell wenig Interesse. Eine Sache, die mir noch wichtig ist: Marit sagte einmal: Mama, ich könnte für ein Jahr um die Welt reisen, ich bräuchte nirgendwo im Hotel zu leben. Und das ist eben das. Bei mir ist das ähnlich. Ich habe letztens eine Freundin getroffen, Holländerin, die ich zum letzten Mal vor 14 Jahren gesehen habe, das war sofort, als hätten wir uns gestern erst wiedergesehen.

Dem konnten alle anderen nur zustimmen.

Nach einer Stunde Skype-Klönen mussten dann alle weiter in ihrem Tagesablauf. Katja auf der Arbeit in Singapur, Marit in ihrem Feierabend in Melbourne, und Silke ging in ihrer „Wahlheimat Neuseeland“ ins Bett.

Vielen Dank Euch beiden für das tolle, amüsante Gespräch! Es hat Spaß gemacht!

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