Beatrice St. Nicolas Stairs in Beirut

Beatrice Rieben hat bereits viele Jahre im Ausland hinter sich. Sie hat es sich auf die Uhr geschrieben, anderen Expats zu helfen, ihr Plätzchen im Ausland zu finden, insbesondere als Begleitperson. Nach Stationen in Moskau, Paris und zurück in der Schweiz lebt sie heute in Beirut im Libanon.  Auf ihrem Blog „Anderswo ist überall“ berichtet Beatrice aus ihrem libanesischen Alltag. Ihre Nische hat sie gefunden, indem sie die Unterstützung von Expats mit Imageberatung und Mentoring zu modernen Umgangsformen verbindet. Sie ist Expertin für glücklich leben im Ausland.

In ihrer Expat-Lounge hat sie mich zum Auswandern nach Neuseeland befragt, und natürlich vielen interkulturellen Themen. Als Single, auf eigene Faust, ohne Firma im Hintergrund, wie die meisten in Neuseeland. Viel Spaß beim Reinhören!

Da ich total klasse finde, was Beatrice so tut, und der Libanon ein eher unbekanntes Land ist, sowohl interkulturell gesehen als auch touristisch, habe ich Beatrice zu ihrem Leben dort befragt:

Wahlheimat Neuseeland: Hallo Beatrice! Wie hat es dich und deine Familie denn in den Libanon verschlagen? War das eine bewußte Entscheidung?

Beatrice: Angefangen hat das Interesse für den Libanon vor vielen Jahren, kurz vor der Jahrtausendwende. Damals war ich an der Schweizerischen Botschaft in Paris tätig. Ich hatte kurz vorher meinen damaligen Freund und heutigen

Beatrice auf den St. Nicolas Stairs in Beirut
Beatrice auf den St. Nicolas Stairs in Beirut

Mann kennen gelernt. Wir waren also gemeinsam im Institut du Monde Arabe von Jean Nouvel, und es gab dort eine Ausstellung zum Libanon. Wir sprachen lange mit jemandem und beschlossen, irgendwann dorthin zu reisen. Wir bekamen dann kurz darauf zwei Kinder, und der Zeitpunkt war nie der richtige, um hierhin zu reisen, mit den erneuten Unruhen und kleinen Kindern. Außerdem waren wir auch lange an einer anderen Ecke der Welt im Einsatz, in Sri Lanka. Und wollten dort die Umgebung erkunden. Vor vier Jahren bewarb sich dann mein Mann um diese Stelle hier und bekam sie. Von daher war es eine bewusste Entscheidung aber auch Glück, den Posten zu bekommen. Für unsere inzwischen erwachsenen Kindern ist dieses Leben natürlich nicht immer so einfach.

Wahlheimat Neuseeland: Wie schaut so dein Alltag in Beirut aus?

Beatrice: Eigentlich ganz ähnlich wie daheim, außer dass wir den ganzen Tag in einer oder zwei Fremdsprachen sprechen. Das kann manchmal anstrengend sein. Wir stehen am Morgen auf, gehen zur Arbeit, also ich von daheim aus online als Expat Coach, die Kinder gehen mit dem Taxi in die Schule (ein Sohn schließt jetzt die High School ab, der andere hat noch drei Jahre). Wir haben auch einen Hund, Stella, die mit uns nach Beirut gereist ist. Ab und zu haben wir am Abend gesellschaftliche

Beatrice mit Mann und Söhnen in Baalbeck
Beatrice mit Mann und Söhnen in Baalbeck

Verpflichtungen, die LibanesInnen haben ein sehr soziales Leben und sind immer unterwegs. Es gibt Kinos, Theater, Tanzvorstellungen und Fashionshows. Eigentlich alles, was das Herz begehrt. Kleidergeschäfte sind zuhauf vorhanden, von H&M, über Zara bis Chanel und Chloé – es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch während des Krieges – so sagte man mir – habe man in den Lebensmittelgeschäften alles gefunden: Es gibt hier Schnecken, Foie Gras und Baguette aus Frankreich, so wie auch richtigen Gruyère und Raclette-Käse aus der Schweiz – von den hiesigen Produkten und denjenigen aus den umliegenden Ländern ganz zu schweigen. Die Libanesen waren immer schon sehr umtriebige und geschickte Geschäftsleute.

Am Wochenende gehen wir im Sommer ab und zu an den Strand – leider außerhalb von Beirut, weil das Wasser hier zu verschmutzt ist. Im Winter fährt man hier sogar Ski. Die Berge oder was von ihnen übrig geblieben ist, sind sehr kahl und/oder zugebaut. Als Schweizerin bin ich davon mäßig beeindruckt. Von der Zeder, die auf der libanesischen Flagge ist, gibt es nicht mehr so viele Exemplare… Ich war nun schon ein paarmal Vögel beobachten, was toll ist hier und was ich vorher nicht kannte. Der Libanon ist eine der beiden wichtigsten Migrationsrouten.

Skifahren in Faraya
Skifahren in Faraya

Bei all den Ausflügen und vor allem im Alltag gibt es ein großes Problem:  der Verkehr. Er ist einfach unglaublich. Es gibt keine Stadtplanung und keinen öffentlichen Verkehr. Die Distanz von uns daheim bis zur Schule der Kinder beträgt ca.  sechs Kilometer, und nicht selten braucht man dafür eine Stunde! Und um von hier in ein Resort zu kommen, sollte man entsprechend früh los.

Wahlheimat Neuseeland: Mit welcher Kultur oder welchem Land würdest du den Libanon kulturell vergleichen?

Beatrice: Sprachlich vergleiche ich den Libanon gerne mit der Schweiz. Libanon nennt sich ja immer noch „die Schweiz des Ostens“. Auch hier werden drei Sprachen gesprochen: arabisch, französisch, englisch. Und wohlverstanden: in gebildeten Kreisen, alle drei Sprachen genau gleich gut. Im christlichen Viertel „Achrafié“, in dem wir wohnen, wird vor allem französisch gesprochen. Insbesondere die ältere Generation besteht darauf; im Viertel „Hamra“, das eher moslemisch ist, wird vor allem englisch gesprochen. Die Menschen wechseln gerne dreimal im Satz die Sprache. Ein Beispiel: „hi, kifik, ça va?“. LibanesInnen sind auch offen und sehr willkommen heißend, was – so denke ich – typisch für arabische Länder ist. Sie sind neugierig und kommen auf einen zu, ähnlich wie AmerikanerInnen. Und als SchweizerIn hat man hier so etwas wie den Jackpot gezogen. Die Libanesen lieben die Schweiz. Sie sind auch tolerant, immerhin leben hier ca. 18 verschiedene Religionen mehr oder weniger einträchtig mit- und nebeneinander.

Von wegen „sagging face“: Posieren vor dem Pidgeon Rock, dem Wahrzeichen Beiruts
Von wegen „sagging face“: Posieren vor dem Pidgeon Rock, dem Wahrzeichen Beiruts

Äußerlich gilt: Mehr ist mehr! Schönheitsoperationen werden zwar in der Schweiz und im Libanon gleich viele gemacht, aber nur hier soll man es auch sehen. Die LibanesInnen legen viel Wert auf ihr Äußeres; da muss man sich schon bemühen um mitzuhalten, und schafft es leider doch nie.

Wenn man so als Expat unterwegs ist, fallen einem auch Wesenszüge auf, die vielleicht in einem anderen Land ähnlich waren. Die Direktheit ist sowas. Da steht Sri Lanka dem Libanon in nichts nach. Es wurde einem dort schon mal gesagt, dass man „fat“ oder aber „too skinny“ sei, hier hatte ich dafür bereits ein „sagging face“ (Wahlheimat Neuseeland: zu Deutsch in etwa schlaffes Gesicht).

Interessanterweise bezeichnen sich LibanesInnen selber nicht als AraberInnen, Stattdessen hört man ab und zu den Ausdruck „Phönizier“. Zum Teil präsentiert es sich sehr europäisch und international, aber dann wenn’s quasi „um die Wurst“ geht, sind sie schon sehr traditionell. Also beim Heiraten: Christ mit Christ, und Moslem mit Moslem ist ihnen schon lieber… Auch sieht man sehr oft, dass Frauen, die noch nicht verheiratet sind, immer noch mit ihren Eltern wohnen, auch wenn sie bereits 50 sind! Familienwerte werden generell hochgehalten. Am Wochenende trifft man sich zum Essen und Zusammen sein.

Wahlheimat Neuseeland: Kann der Libanon mit der deutschen oder Schweizer Direktheit mithalten?

Beatrice: Jein. Die libanesische Direktheit ist nicht vergleichbar mit der deutschen Direktheit, im Sinne eines Erstkontaktes. Hier wird zuerst ausgiebig Small Talk betrieben, und man erkundigt sich erstmal nach dem gegenseitigen Befinden und demjenigen der Familie, während man im westlichen Europa eher direkt zur Sache kommt. Außerdem finde ich persönlich, dass sich die Schweizer Direktheit auch nicht mit der deutschen vergleichen kann… Wir SchweizerInnen sprechen gerne im Konjunktiv, um Statements etwas abzuschwächen, während Deutsche doch direkter sind.

Wahlheimat Neuseeland: Der Vergleich mit arabischen Ländern – oder auch nicht – klingt ein bisschen wie Oman. Nur hört sich Oman nach 1001 Nacht an, Libanon nicht. Bei Libanon kommt mir leckeres Essen in den Sinn.

Libanesisches Essen
Libanesisches Essen

Beatrice: Libanon kann 1001 Nacht sein, wenn es will. Aber du kannst neben dem Essen gerne auch an Beauty, schicke Kleider, Partys denken! Ich spreche jetzt hauptsächlich von den gut ausgebildeten LibanesInnen. Nicht jeder in diesem Land hat die gleichen Chancen und spricht drei Sprachen. Was man mir aber nie glaubt, wenn ich es zuhause erzähle, ist, wie westlich es hier doch ist. Die Leute denken ja, das ganze Land sei zerbombt (was es auch noch ist), aber dass wir hier alles in einer großen Fülle haben und wie modern die Leute sind, da sind sie sehr überrascht. Und ja, es stimmt schon: das Essen ist sehr gut, vor allem immer sehr frisch. Die Tische biegen sich, grad jetzt während des Ramadans beim Iftar. Unlängst habe ich eine Werbung gesehen: „Wie man während des Ramadans nicht zunimmt…“ irgendwie widersprüchlich. Leider wird dann mehr als die Hälfte dieser Leckereien wieder weggeschmissen.

Wahlheimat Neuseeland: Ein bisschen wie Israel?

Beatrice: Genau wie Israel, obwohl sie das GAR nicht gerne hören. Der Weg in den Süden ist uns ja leider verwehrt.

Wahlheimat Neuseeland: Bist du auch im libanesischen Geschäftsleben aktiv?

Beatrice: Ja, ich war zwei Jahre lang im Komitee des Diplomatic Spouses’ Association of Lebanon karitativ tätig. Die Arbeit und der Ertrag, der letztlich den Benachteiligten vor Ort (meistens Frauen, Kindern und Behinderten) zugutekommt, wird sehr geschätzt. In der Regel kann man sich auf kompetente Partner verlassen und spricht auf Augenhöhe.

Wahlheimat Neuseeland: Wie hierarchisch schätzt du den Libanon im Vergleich zu anderen arabischen Ländern

Weihnachtsbaum neben der Moschee: classic Beirut!
Weihnachtsbaum neben der Moschee: classic Beirut!

und der Schweiz ein? Wie drückt sich das aus?

Beatrice: Ich denke, normal hierarchisch. Was mir vor allem auffällt, ist der große Respekt in christlichen Kreisen gegenüber Geistlichen, respektive den männlichen Patriarchen. Das grenzt für mich an Verehrung und Anbetung im ursprünglichen Sinn, dem ich gar nichts abgewinnen kann. Auch im Gespräch mit Ärzten gibt es keine Kluft zwischen Patient und ihnen, sie verhalten sich außerordentlich kundenorientiert. Man kann sie z.B. privat per Whatsapp kontaktieren, auch am Wochenende oder Feiertagen. Das ist doch eher speziell. Auch duzt man sich auf französisch sehr schnell und automatisch, ganz anders als in Frankreich.

Wahlheimat Neuseeland: Das Thema „Raum“ ist in arabischen Ländern und im Libanon sehr betont (vergleiche dazu Edward T. Hall, „The Silent Language“). Wie verspürst Du die größere physische Nähe bei zwischenmenschlicher Kommunikation?

Beatrice: Im Sinne von körperlichem Kontakt fällt mir eigentlich kein Unterschied auf, aber dies ist persönlich. Ich selber berühre meine Gesprächspartner auch oft und halte wohl – für eine Schweizerin – den protokollarisch vorgesehenen Abstand nicht immer ein.

Wahlheimat Neuseeland: Wie fühlst du dich im Libanon als Frau?

Beatrice: Sehr gut. Ich fühle mich immer ernst genommen und gleichberechtigt. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich kein Problem damit habe, mich durchzusetzen. Und vielleicht müsste man dazu auch eine 30jährige befragen, ich bin ja eine Frau mit Lebenserfahrung und komme evtl. schon in den Genuss des Respekts der Älteren…

UND: für mich als Westlerin gelten auch andere Gesetze. Ich verliere nicht meine Kinder an den Mann, wenn ich mich scheiden lassen will, und sollte mein Mann vor mir sterben, geht sein Erbe auch nicht direkt an meinen Erstgeborenen! Mit solchen Ungerechtigkeiten müssen sich hier libanesische Frauen auseinandersetzen.

Die Zeder - Wahrzeichen vom Libanon
Die Zeder – Wahrzeichen vom Libanon

On a happier note: Im Alltag und als Fußgängerin profitiere ich oft vom Kredit, eine Frau zu sein und werde freundlich von den Herren am Steuer über die Straße gewunken und vorgelassen. Wenn ich im Auto unterwegs bin, gelten hingegen andere Gesetze, also keine…

Wahlheimat Neuseeland: Vermisst Du die Schweizer Pünktlichkeit? Wie „tickt“ der Libanon?

Beatrice: „Vermisse ich die Pünktlichkeit, oder bin ich libanesisch geworden?“, ist die Frage. Arzt-, Coiffeur- oder ähnliche Termine sind recht pünktlich hier und verbindlich. Hingegen Einladungen verstehen sich eher als Zeit-Empfehlungen. Die Entschuldigung ist bei allen die gleiche: „heavy traffic“, was meistens stimmt. Trotzdem könnte man dies nach all den Jahren von starkem Verkehr evtl. einkalkulieren in sein Timing. Was nervt ist, wenn jemand zu einer offiziellen Einladung zu spät hereinrauscht, mit Bedacht auf einen dramatischen Auftritt. Das finde ich doch sehr libanesisch. Unlängst, am Internationalen Tag der Frau, bei einem Anlass mit der First Lady, der um 19:30 Uhr begann und sich ein paar Leute nach ihr in die ersten Reihen drängen, das finde ich einfach respektlos.

Wahlheimat Neuseeland: Arabische Länder sind für einen starken Kontextbezug in der Kommunikation bekannt. Deutsche und Schweizer haben einen vergleichsweise sehr niedrigen Kontextbezug. Wie schätzt Du den Libanon ein?

Beatrice: Also der Libanon ist definitiv ein High Kontext Land. Man versteht sich eher auf nicht-verbale Aspekte, und schätzt Vertrauen, das durch Beziehungen entsteht. Entscheidungen und Aktivitäten konzentrieren sich auf persönliche Beziehungen.

Familien sind hier sehr wichtig und jahrelange Freundschaftsbande sowie Gruppenzugehörigkeit, sei es eben zu dieser Familie oder auch zu einer Religion. Als Außenstehende, sprich Schweizerin, findet man oberflächlich sehr schnell Zugang zur Gesellschaft und kann sich unterhalten, aber man gehört einfach nie wirklich dazu.

Kurze Erklärung aus dem Buch Wahlheimat Neuseeland zum Thema „Low und High Context“: „Es ist kein Geheimnis, dass Deutsche äußerst direkt sind. Sie sind so ehrlich, dass es weh tut. Auch Alexander Thomas hebt die Ehrlichkeit in sozialen Beziehungen bei seinen deutschen Kulturstandards hervor. Edward Hall bringt diese Direktheit in Verbindung mit „low context“ (kontextarme Kommunikation) auf den Tisch: Deutsche sind im Vergleich zu anderen Kulturen weniger in der Lage, zur Kommunikation gehörende Aspekte wie die Umgebung, Gefühle, den Tonfall des Gesprächspartners, dessen Gesichtszüge, Alter und Bekanntheitsgrad in das direkt Gesagte mit einzubeziehen. Deutsche tragen Konflikte eher offen aus mit dem Ziel der Klärung. Sie sehen Reden als Chance der Problemlösung an.“ Neben Edward Hall kann zum besseren Verständnis Neuliep, James W.: „Intercultural Communication: A Contextual Approach“ weiterhelfen.

Eindrücke von Beirut
Eindrücke von Beirut
Eindrücke von Beirut
Eindrücke von Beirut

Wahlheimat Neuseeland: Gibt es regionale Unterschiede im Land, also zwischen Beirut und anderen Städten oder Gegenden?

Beatrice: Ja, sehr starke. Beirut ist ganz sicher die liberalste Stadt. Tripoli im Norden und Saida im Süden von Beirut sind viel traditioneller, und das Straßenbild sieht auch viel „arabischer“ aus. Wenn man durchs Land fährt und schon eine Weile hier ist, kann man genau einordnen, in welchen Dörfern hauptsächlich Christen wohnhaft sind und wo Moslems oder Drusen. In Beirut selber merkt man nicht viel von den über 1 Million Flüchtlingen, das sieht ganz anders aus im Bekaa-Tal Richtung Syrien. Auch die Stimmung ist nicht überall im Land gleich, in Beirut ist alles sehr entspannt und man lässt es sich wann immer möglich, gut gehen.  Die LibanesInnen haben im Allgemeinen eine etwas fatalistische Einstellung zum Leben. Wenn heute alles gut ist, öffnen wir lieber noch eine Flasche Wein. Morgen ist morgen! Diese Art zu denken ist landestypisch, ganz egal in welcher Ecke man im Libanon man daheim ist.

 

 

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