Wie unvorhergesehen und lebenseinschneidend ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch sein können, wird uns aktuell wieder durch die Ausbrüche rund um Leilani Estates in Hawaii bewusst. Hawaii liegt inmitten des Pazifischen Feuergürtels. Meine interkulturelle Trainerin (unter Lesenswert auch im Buch-Clan zu finden), die eine wertvolle Feedback-Geberin und Mitleserin bei „Wahlheimat Neuseeland“ war, hat genau im betroffenen Dorf ihr Haus. Sie hatte das Glück vor ihrer Deutschlandreise noch Wertgegenstände aus dem Haus holen zu können.
Was geschehen wird und wie es aussehen wird, wenn sie von ihrer Reise zurückkommt, weiß niemand, auch wenn sie erwähnt, dass die Medienberichte sehr dramatisieren.

So auch beim Erdbeben in Kaikoura / Wellington 2016. Ein Kapitel im Buch „Wahlheimat Neuseeland” berichtet live. Es beginnt wie folgt:

Es war in der Nacht zum 15. November 2016, 00:10 Uhr. Den Vertrag für ein neues Projekt sollte ich in der Woche darauf unterschreiben. Wie so oft hatte ich mich wegen der 12-Stunden-Zeitverschiebung bis in die Nacht mit Freunden und Familie zu Hause ausgetauscht. Nun saß ich recht spät in meinem Bett und schaute das Ende eines Films an. Plötzlich wackelten die Wände. Ich schmunzelte und dachte, die Gäste nebenan vergnügten sich. Es dauerte an. Auf einmal ruckelten die Schränke. Allmählich fing ich an, etwas neidisch auf den phänomenalen Orgasmus zu werden, der nebenan stattzufinden schien. Als das Haus immer heftiger wackelte und das CD-Regal, das mittlerweile für alles andere als CDs herhielt, umzufallen drohte, dachte ich: „Oha, das hier ist nicht normal.“ Ich hüpfte aus dem Bett, hielt das Regal fest und realisierte, dass es sich um das stärkste Erdbeben handelte, das ich je erlebt hatte. …
Während ich die Stimmung auf Facebook einfing, stürmte ich aus der Zimmertür. Meine Gäste hatten dieselbe Idee. Wir schauten einander an, erzählten uns gegenseitig, was wir gerade erlebt hatten, während wir gleichzeitig versuchten, im Internet zu erfahren, was passiert war. Es rumpelte wieder. Ähnlich stark und ähnlich lang. Das Holzhaus hielt einwandfrei. Nichts fiel auf den Boden. Keine Schränke öffneten sich. Nur ein paar Bilder hingen schief. Wegen der Erdbebengefahr keine Bilder über Sofas oder das Kopfende von Betten aufzuhängen, ist eines der ersten Dinge, die man in Neuseeland lernt. Nun rüttelte es gehörig. Wahrscheinlich merkt man die Beben in alten Holzhäusern tendenziell mehr, da sie sich mit Wind und Beben bewegen. Im Gegensatz zu unflexiblen Steinhäusern, die enorme Zerstörungen wie in Christchurch während des großen Erdbebens 2010 oder in Italien 2016 erst ermöglichten. …
Gegen 5 Uhr morgens versuchten die Wellingtonians, mehr oder weniger erfolgreich, etwas Schlaf zu finden. Die Beben nahmen kein Ende. Kaum zwei Stunden später wurden die meisten Angestellten informiert, dass sie nicht zur Arbeit erscheinen brauchten. Die Stimmen meiner Gäste drangen in mein Ohr und ich rollte mich aus dem Bett. In der Nacht hatte ich mitbekommen, dass auch die Hafenbrücke in Wellington beschädigt worden war. In Picton, dem Fährhafen auf der Südinsel, hatte eine Fähre exakt zum Zeitpunkt des ersten Erdbebens Probleme anzulegen: Das Land und das Meer bewegten sich. Stell Dir vor, du willst anlegen und dir springt eine Insel entgegen. Meine Gäste waren informiert worden, dass vorerst keine Fähren zwischen Nord- und Südinsel fuhren. Seit dem ersten Erdbeben der Stärke 7,8, dem drittstärksten der neuseeländischen Geschichte, gab es innerhalb von zwölf Stunden sechs weitere Beben der Stärke „severe”, sehr stark, zwischen 5,1 und 6,3.

Auf Kiwifinch findet Ihr in dem Beitrag zum selben Erdbeben einen weiteren Blickwinkel auf die Geschehnisse.

Die Region um Auckland ist außerdem gerne von Fluten betroffen. Wellington liegt mitten in den schicken Roaring Forties. Nein, es handelt sich hierbei nicht um eine ausgeprägte Midlife Crisis. Die Hauptstadt ist ein Paradies für Windsportler wie Windsurfer (auch pole dancer genannt), Kitesurfer (auch tea-bags / „Teebeutel“ oder shark food / „Haifutter“ genannt) und Segler. Die westlichen Winde mit oft Sturmstärke kommen zwischen 40 und 50 Grad südlicher Breite vor und ziehen daher regelmäßig über Neuseeland hinweg. Wellington liegt aufgrund der Meeresenge im Cook Strait in einer besonderen Lage. Sie wirkt wie ein Trichter und beschert der Landeshauptstadt im Schnitt an 173 Tagen über 32 Knoten und an 22 Tagen über 40 Knoten. Orkane mit Böen über 140 km/h sind keine Seltenheit. Die Piloten, die dort starten und landen, genießen eine Sonderausbildung. Im Internet kann man zahlreiche Videos von wackeligen Starts und Landungen am Flughafen Wellington finden. Wellington ist die windigste Stadt der Welt.

Wer in Neuseeland lebt, lebt mit der Natur. Beim Kofferpacken gilt: „Es kann an einem Tag Winter und Sommer sein“. Aufgrund der extremen Wetterverhältnisse passieren viele Unfälle in freier Natur. Man sollte sich daher immer bei den Einheimischen informieren, beispielsweise bei den genannten Wassersportarten. Bei Wanderungen ist es ratsam, sich beim DoC, Department of Conservation, ein- und bei Rückkehr wieder auszutragen oder Freunden Bescheid zu geben, wo man hingeht und wann man wieder zurückzukehren gedenkt. Auch bei der Auswanderung ist es hilfreich, die Nachbarn oder Kollegen zu fragen. Wenn meine Mitbewohner mich nicht zurückgepfiffen hätten, hätte ich seinerzeit in gewohnter Manier hübsche Bilder über der Kopfseite des Bettes aufgehängt.

Die typischste aller Fallen im Interkulturellen ist es, Dinge durch die eigene Kulturbrille zu sehen und zu bewerten, auch bei weniger oberflächlichen Dingen wie einem Bild. Oft kann man gar nicht wissen, was man nicht weiß. Da hilft nur eines: So viel nachfragen wie möglich, warum sich die anderen so „komisch“ verhalten. Es könnte sich eventuell ein Sinn hinter dem Handeln verstecken.

2 Gedanken zu “Leben zwischen Pazifischem Feuerring und Roaring Forties”

    • Danke Ina! Es freut mich total, dass der Schreibstil gefällt! Das Buch sollte in den nächsten Tagen erscheinen. Ich halte Dich auf dem Laufenden!

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