Ohau Skifield auf der Südinsel

„Und warum bist Du jetzt wieder zurück in Deutschland?“ Es ist immer wieder erstaunlich: Wenn ein(e) Ausgewanderte(r) zurück ist, scheint der erste Gedanke der meisten Leute zu sein, dies sei nun wieder permanent so. Dabei schnuppere ich nur ein bisschen in die eigene Kultur, und genieße das auch richtig, wenn ich auf Heimatbesuch bin. Je näher dann die Rückreise nach Neuseeland kommt, umso mehr wird mir bewusst, was ich dort habe, und dass ich mit jedem Mal Reisen nach Europa in Neuseeland mehr ankomme.

Versüßt wird dies durch die Stimmen, die kurz vor Rückkehr wie zur Zeit wieder aus Neuseeland erwachen: „Wann kommst Du denn wieder? Wann sehen wir uns?“ „Let’s catch up!“ Und das nicht nur in meine Richtung. Die meisten nutzen den neuseeländischen Winter, um mindestens einmal in die Wärme zu flüchten. Sehr beliebt sind die pazifischen Inseln. Auch nach Europa oder in die USA zieht es viele. Die Familie und Freunde sonst wo zu besuchen steht meist im Winter an. Natürlich treffen wir uns dann auch regelmäßig zurück in der alten Heimatkultur. Ob zur Geburtstagsfeier in der Pampa vor Hamburg oder zum Schäufele essen in Nürnberg: Einmal Neuseeland, immer Neuseeland. 🙂 Wer zu Hause bleibt, geht Skifahren oder Snowkiten. Jetzt gerade reisen viele von uns aus allen Himmelsrichtungen wieder in Neuseeland an.

Doch was haben wir in Neuseeland, was wir in Deutschland nicht haben? Diese Woche auf einem Seminar hielt mir dies ein Kollege unbewusst vor Augen, der mir von einem Kunden in Auckland erzählte. Er überlegte, eine Neuseelandreise mit dem Job zu verbinden, oder jemanden zu finden, der an seiner statt bei dem Kunden arbeiten konnte. Während des Gesprächs merkte er, wie unterschiedlich beide Länder sind:

  • Wir pendeln für die Arbeit weniger zwischen Städten und Ländern als in Europa. Ich erntete verdutzte Blicke, als ich sagte: „Ich habe keine Lust, für die Arbeit jede Woche von Wellington nach Auckland zu fliegen.“ Das passt so gar nicht in die deutsche Arbeitsdenke. Ich erklärte: „In Neuseeland wohnt fast jeder in unmittelbarer Meeresnähe. Viel häufiger als in Deutschland wohnen wir in Häusern und nicht in Wohnungen. Ich möchte die tägliche Strandnähe von zu Hause aus (ohne Pendeln) nicht gegen ein Hotelzimmer tauschen.“ Das leuchtete ihm ein. Auch, dass nicht viele in Deutschland ein solches Entscheidungsdilemma haben (was eigentlich keines ist).</ br>
  • Daraus folgt ein großer Unterschied zwischen den beiden Ländern. Die Lebensqualität steht an ganz oberer Stelle: In Neuseeland arbeiten wir um zu leben und leben nicht um zu arbeiten.</ br>
  • Das ändert sich auch dadurch nicht, dass das Gehaltsniveau in vielen Berufen in Neuseeland niedriger ist und die Lebenshaltungskosten höher sind. Meinem Kollegen dünkte es, dass er seinen Kunden mit deutschen Preisen evtl. abgeschreckt haben könnte, und dass diese ihn womöglich nur für verrückt hielten und seine Mühe und Qualitätsanspruch gar nicht zu schätzen wüssten.

Fakt ist, dass beide mit dem Blick aus dem eigenen Arbeitsmarkt auf den anderen geblickt haben.

Ein plastisches Beispiel für eher oberflächliche, interkulturelle Diskrepanzen. Die Gründe liegen im unterschiedlichen Rang von Werten wie der Lebensqualität, eventuell sogar deren abweichender Definition, oder etwa dass Leistung im Sinne des Egalitarismus und „Tall Poppy Syndroms“ ganz anders eingeschätzt wird wie in Deutschland.

Wie viele Auswanderer frage auch ich mich regelmäßig, wie es wäre wenn… Gespräche wie diese sind gut, um zu spüren, was mir gut tut. Gerade freue ich mich auf die Stimmen vom anderen Ende der Welt, und alle wieder zu sehen, die sich bereits auf den Frühling freuen. Man scheint ihn schon riechen zu können.

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