Der Zug war pünktlich. Dachte ich. Ich hatte naiv zwei Minuten vor Abfahrt zum letzten Mal auf die Anzeige im Bahnhof geschaut, und dann fuhr er auch schon ein.

Nachdem ich mir einen Sitzplatz gesichert hatte, kam eine erste Durchsage des Zugführers. „Meine Damen und Herren, es tut uns unendlich leid. Wir sind schon mit drei Minuten Verspätung eingefahren und mussten leider bei der Ausfahrt einen anderen Zug vorlassen, der kurz vor uns ausfahren sollte. Daher sind wir zur Zeit 13 Minuten verspätet.“ Die Fahrgäste nahmen es offensichtlich locker. Der Verspätungsalarm in den Köpfen war jedoch aktiviert. Die Zugfahrt ging weiter.

Kurze Zeit später meldete sich der Zugführer mit einem hörbaren Bemühen um Informationsweitergabe erneut zu Wort. „Wir werden in Hannover mit dem Zug aus Bremen zusammengelegt werden. Was dabei geschehen wird: Wenn der Zug hält, werden sich die Türen nicht gleich öffnen. Erst wenn wir andocken und Sie ein leichtes Ruckeln merken, werden die Türen geöffnet. Der Zug aus Bremen wartet bereits. Erfahrungsgemäß gibt es weniger Gäste in dem aus Bremen kommenden Zugteil. Wer möchte und keine Reservierung hat, kann gerne in den vorderen Zugteil wechseln.“ Angesichts der Verspätung färbten sich einige Gesichter panisch rot, während andere anfingen, ihren Koffer symbolisch kämpferisch vor sich her zu bugsieren. Andere schauten hektisch umher.

Irgendwie schafften sie es aus dem Zug. Der Zugführer: „Meine Damen und Herren, der aus Bremen kommende Zug wurde leider aufgehalten, und es wurde ein Ersatzzug zur Verfügung gestellt. Es stehen daher reichlich Sitzplätze zur Verfügung. Leider konnten wir daher nicht wie gewohnt ausfahren und sind mittlerweile 33 Minuten verspätet.“ Die ersten Gäste schauten gequält. Die Dame auf dem Sitz vor mir rief aufgeregt ihre Abholer am Zielbahnhof an. Sie käme aufgrund der Zugverspätung eine Stunde zu spät an.

Der Schaffner kam wie gewohnt durch den Zug und bat neu hinzugestiegene Fahrgäste um ihre Fahrscheine. „Wann wir ankommen? Das kann ich Ihnen genau sagen. Der Zug ist zur Zeit 25 Minuten verspätet. Wir werden entweder weniger oder mehr als 25 Minuten zu spät ankommen.“ Einen Gast weiter: „Alles läuft super, wir rollen, was wollen Sie mehr?“

Der Zugführer sagte durch, dass Deutschland bei der Fussball-WM Mexiko mittlerweile 0:1 zurücklag.

Der Schaffner bahnte sich seinen Weg. „Haben Sie ein Bügeleisen dabei, oder tragen Sie heute japanische Falte?“ Ein Gast: „Na, der kann das alles wahrscheinlich auch nur noch mit Humor ertragen.“ Die Dame daneben wetterte eifrig: „Ich hätte ja auch gedacht, dass nicht so viele Leute im Zug sind, wenn Deutschland spielt.“ Ihr Gegenüber konterte: „Wahrscheinlich planten die meisten, zu der Uhrzeit schon zu Hause zu sein!“ Wohlgemerkt: Es handelte sich zu dem Zeitpunkt um eine Verspätung um etwas mehr als eine halbe Stunde. Die Dame, die wohl um etwas mehr als eine Stunde aufgrund des Anschlusszuges ankommen würde, bemerkte: „Die Schalter werden auf dem kleinen Bahnhof um die Zeit schon zu sein.“ Der Schaffner verstand haarscharf und resümierte: „Sie möchten gerne ein Formular zur Erstattung eines Teil des Fahrpreises. Bekommen Sie von mir.“

Der Zugführer meldete sich zu Wort: „Liebe Fußballfreunde: Das Spiel endete mit 0:1.“ Kurz, knackig, emotionslos. Alle blieben ruhig und gefasst. Ich wette bei einem Sieg wären mehr Emotionen hochgekommen. Fußball, ein Grund, bei dem Deutsche aus sich herausgehen dürfen. Er gibt uns die Erlaubnis, einmal nicht pflichtbewusst, ordentlich und geregelt zu sein, sondern sich der Welt von ihrer besten ausgelassenen Seite zu zeigen. Wer hätte sonst gedacht, dass wir ganz gut feiern können? Der Fußball macht aus uns andere Menschen. Auf einmal dürfen wir auch stolz sein, deutsch zu sein. Ein Satz, der uns aus historischen Gründen sonst nie über die Lippen käme. Wie ein Neuseeländer bei der Niederlage wohl reagiert hätte? Ich denke, er hätte sich mit typisch neuseeländischem Humor selbst auf die Schippe genommen. Bescheiden und den Gegner anerkennend.

Es gab auf der Fahrt keinen Anlass, mit einem eisgekühlten Cocktail namens „WIFIonICE“ zu feiern.“ Vielleicht nächstes Mal. Ein paar Minuten später: „Meine Damen und Herren, wir sind nun noch 23 (!!!) Minuten verspätet.“ Mittlerweile hatte sich auch jemand namens verspaetungsalarm@bahn.de in meiner Mailbox gemeldet. In anderen Ländern würde das wahrscheinlich als überpünktlich gelten. In Neuseeland? „She’ll be right, mate.“ Es ist ja sowieso nicht zu ändern.

Kennt Ihr diese Reisepläne der Deutschen Bahn, bei denen alle Stationen minütlich eingetragen sind? Hat sie jemand schon einmal in anderen Ländern gesehen?

Ich erinnerte mich an eine Kanalfahrt mit meiner italienischen Freundin Renata in Berlin, die Ihr aus „Wahlheimat Neuseeland“ kennt. Das Boot schipperte ohne jede Hektik durch das grüne Berlin vor sich her. Auf dem Deck gab es Berliner Weiße mit oder ohne Schuss. Nach einer entspannten Fahrt legten wir auf die Minute genau an. Also wirklich genau auf die Minute. Das Manöver war so haargenau eingeplant und perfektioniert, dass wahrscheinlich die Sekunde stimmte. Sie warf ihrem Vater einen Blick zu und deutete auf ihre Uhr, dann auf den Anleger. Der Vater warf seinen Blick mitsamt Armen gen Himmel, schüttelte den Kopf und sagte: „Ma dai, non è possibile!“ „Wahnsinn, das ist doch nicht möglich!“

Die deutsche Fußballnationalmannschaft blieb an dem Tag ohne Schuss, dabei glänzte der Zug mit WIFIonICE. Die Dame mit dem Erstattungsformular hatte sich leider zu früh gefreut, wir waren drei Minuten zu schnell für die volle Stunde Verspätung. Ich könnte schwören, die Bahn wird demnächst Bügeleisen zur Verfügung stellen.

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